Interview mit Dr. Plach von ERGOSIGN

[Bild 1: Dr. Marcus Plach von ERGOSIGN]

Dr. Marcus Plach von der Firma ERGOSIGN beantwortet Fragen zum Thema Gestaltung von modernen, benutzerfreundlichen Bedienoberflächen.

„Am Anfang war alles Hammerschlag-grün“

Neben der Leistung der Maschine gewinnt die Gestaltung der Nutzerschnittstelle  als Verkaufsargument zunehmende Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um ein zeitgemäßes, modernes Design: Ausgereifte Ergonomie und intuitive Bedienung tragen wesentlich zur Betriebssicherheit und effizienter Nutzung der Maschine bei. Das Unternehmen ERGOSIGN hat sich auf die Gestaltung und Optimierung von User Interfaces für Office-, Industrie- und Medizin-Anwendungen spezialisiert und zählt auf diesem Gebiet zu den Marktführern. Im Gespräch erläutert Dr. Marcus Plach, Psychologe und Geschäftsführer des Unternehmens, welche Trends es in diesem Bereich gibt und worauf es bei einer guten Bedienung ankommt.

[Bild 2: Von ERGOSIGN entwickelte Nutzerschnittstellen]

Frage: Herr Plach, was macht eine gute Bedienung aus?

Plach: Die Benutzerfreundlichkeit und Gebrauchstauglichkeit; wir nennen das die „Usability“. Ein ausgereiftes Bedienkonzept zeichnet sich dadurch aus, dass sich das betreffende Programm, Gerät oder die betreffende Maschine effektiv nutzen lässt und dass dies auf unkomplizierte, übersichtliche Weise möglich ist. Nicht zuletzt kommt auch noch das hinzu, was wir als „Joy of Use“ bezeichnen, also die Befriedigung eines gewissen ästhetischen Anspruchs. Letztlich hängt jedes Bedienkonzept immer vom konkreten Einsatzgebiet und der umgebenden Arbeitssituation ab, die beim Entwurf einer Bedienoberfläche oder auch eines Bediengeräts berücksichtigt werden muss. Grundsätzlich aber gilt, dass ein gelungenes Bedienkonzept intuitiv funktioniert, also selbsterklärend und einfach verständlich ist. Wenn Sie bereits für die Bedienung ein dickes Handbuch benötigen und sich Ihnen der Sinn grafischer Elemente nicht auf Anhieb erschließt, ist etwas grundlegend schief gelaufen. Auch wenn es schon langweilig wird: Ein Protobeispiel für die intuitive Bedienung, das heute jeder kennt, ist das iPhone oder auch das iPad. An vielen Handys hat man sich zuvor die Finger abgebrochen und wusste nie genau, in welchem Untermenü man gerade steckte. Hier hat Apple einen Standard gesetzt, der sich auch auf andere Bereiche auswirkt. Solche Vorbilder lassen auch die Anforderungen und Erwartungen an intuitive Bedienungen in anderen Bereichen wachsen.

UI Design

[Bild 3: Von ERGOSIGN entworfene Visualisierung einer Sägensteuerung]

Frage: Sie meinen industrielle Anwendungsbereiche?

Plach: Ja. Für Maschinenbauer wird es immer schwerer, zu erklären, warum bei hochwertigen Maschinen oder Anlagen die Visualisierungen häufig noch mit Mitteln umgesetzt sind, die bei Consumer-Produkten als veraltet gelten. Zudem kommt der intuitiven Visualisierung und Bedienung im industriellen Umfeld noch eine ganz andere Bedeutung zu als im Konsumbereich: Fehlbedienungen rufen hier direkten Kostenaufwand hervor, können zu Stillstandszeiten führen und betreffen auch die Sicherheit der Anwendung. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass eine gute Usability Bedienfehler mit allen negativen Folgen deutlich reduziert. Außerdem senkt eine durchdachte und selbsterklärende Bedienung den Einarbeitungsaufwand für den Bediener. Und schließlich kann es auch die Motivation verbessern – Stichwort „Joy of Use“.

Frage: Welche Ansprüche erleben Sie bei Ihren Kunden?

Plach: Wer zu uns kommt, hat sich mit dem Thema ja bereits auseinandergesetzt und möchte, dass sich Spezialisten um das Design des User Interfaces kümmern. Obwohl das Thema Usability noch relativ jung ist, wächst das Bewusstsein für dieses Thema derzeit stark. Die nutzerfreundliche und optisch ansprechende Gestaltung des User Interface tritt dabei immer stärker als Verkaufsargument in den Vordergrund. Hier findet mit einer Verzögerung eine ähnliche Entwicklung statt wie beim Design der Maschinen. Am Anfang waren alle Maschinen in Hammerschlag-grüner Ausführung gehalten. Das Aussehen war zunächst zweitrangig, was zählte, war die Leistung. Aber wenn die Leistung stimmt, spielt im nächsten Entscheidungsschritt des Käufers sehr wohl das Design eine wichtige Rolle. Das ist schon ein bisschen mit Autos zu vergleichen: Verbrauch, Geräumigkeit, Zuverlässigkeit sind alles wichtige, rationale  Faktoren. Aber jeder Autoverkäufer bestätigt Ihnen, dass das sportliche Design und die Farbe ebenso wichtige Kaufimpulse auslösen. Fabrikanten müssen rational entscheiden, andererseits sind auch sie nur Menschen und wollen sich nach dem Kauf einer neuen Maschine auch wohl fühlen. Auch im Maschinenverkauf gibt es den Die-will-ich-haben-Faktor.

[Bild 4: Für das Fehlerhandling ist Übersichtlichkeit das höchste Gebot]

Frage: Was bietet ERGOSIGN, was Maschinenhersteller nicht können?

Plach: Die meisten Maschinenhersteller setzen ihre hauseigenen Programmierer und machmal auch Industrie - Designer auf die Gestaltung der Eingabelösungen an. Der Programmierer sieht es dann aber als seine vordringliche Aufgabe, alle Variablen über Bedienelemente zugänglich zu machen, wobei das Design eine untergeordnete Rolle spielt. Designer hingegen bringen ihr Gestaltungswissen ein, kennen aber oft nicht die konkreten Erfordernisse des Bedienungspersonals vor Ort und sind ihrerseits nicht mit Arbeitspsychologie und Wahrnehmungstheorie vertraut. Natürlich haben sich bei den Herstellern bereits ein paar Minimalstandards etabliert: Die Vorteile von Touchscreens leuchten jedem sofort ein, und dass große Bildschirme der Übersichtlichkeit dienen, ist auch allen bewusst. Aber schon beim Stichwort „Intuitive Bedienung“ stellen die meisten Maschinenbauer fest, dass sie eigentlich kein klares Konzept dafür haben. Bei ERGOSIGN arbeiten Programmierer, Designer und Psychologen interdisziplinär zusammen. Bei jedem Auftrag analysieren wir zunächst, welche Anwender unter welchen Bedingungen später mit den Geräten arbeiten sollen.

Frage: Wie sieht das im Einzelnen aus?

Plach:
Unser iterativer Entwicklungsprozess gliedert sich in mehrere Phasen. In der Analysephase zu Beginn eines Projekts schauen wir uns die Einsatzbedingungen genau an. Dabei steht eben nicht im Mittelpunkt, welche Funktionen das Gerät umfassen muss, sondern ob es im Freien, also bei Tageslicht oder auch unter Outdoor-Bedingungen zur Anwendung kommt oder in geschlossenen Räumen, ob der Bediener Handschuhe trägt, mit welcher Aufmerksamkeit seitens des Bedieners zu rechnen ist und vieles mehr. Anschließend beginnt die Konzeptionsphase, in der wir die Interaktionsmöglichkeiten definieren, sinnfällige Bedienelemente auswählen und anordnen, die Menüs strukturieren und so weiter. Wenn das Gerüst steht, unterziehen wir das Produkt ausführlichen Tests.

 

Frage: Wie muss man sich das vorstellen?

Plach: Ganz klassisch: Wir laden Testpersonen ein, die mit dem Interface realitätsnahe Aufgabenstellungen bewältigen müssen. Dazu setzen wir sie in einem Testraum mit verspiegelter Seitenwand und zeichnen die Testläufe zu Analysezwecken mit Video auf. Auf diese Weise registrieren wir jede Irritation unserer Testpersonen, was uns darauf hinweist, dass es an unserer Bedienlösung noch etwas zu verbessern gibt. Erst wenn die Evaluation für uns zufriedenstellend verläuft, widmen wir uns der Umsetzung des „Look & Feel“ – also der endgültigen Spezifikation der Farbgebung, dem Entwurf und der Gestaltung der Icons sowie der Ausarbeitung der Detailinteraktion.

 

Frage: Wenn sie das Design für eine Visualisierung für einen Maschinen- oder Anlagenhersteller ausarbeiten, wie verläuft die Integration in die reale Anwendung? Wo verlaufen die Schnittstellen?

Plach:
Tatsächlich kann sich das vom Hersteller verwendete Visualisierungssystem als limitierender Faktor erweisen. Wir liefern mit der Struktur und dem Style-Guide zunächst nur das Design ab. Das heißt, bildlich gesprochen, dass wir mit einem Stapel Papier unter dem Arm zum Kunden kommen und ihm sagen, so und so sollten die Bedienstruktur und die Oberflächen auf der Grundlage der Analysen und eines an der Usability orientierten Gestaltungsprozesses aussehen. Danach setzen sich dann seine SPS- und Visualisierungsprogrammierer hin und übertragen unsere Ideen und Vorschläge in das jeweils genutzte Visualisierungssystem. Leider geht bei diesem Schritt gelegentlich einiges vom grafischen Entwurf verloren, zum Beispiel, wenn sich Controls nicht in der geometrischen Ausformung umsetzen lassen, die wir intendiert hatten, oder wenn bestimmte grafische Effekte nicht darstellbar sind. Das kann natürlich gute Entwürfe verwässern. Aus dem Grund ist es ideal, und das empfehlen wir unseren Kunden auch, XAML-basierende Visualisierungssysteme zu verwenden. Dann können wir unseren Designentwurf gleich in dieser Markupsprache verfassen und der Kunde kann sie direkt, eins zu eins, übernehmen.

 

Frage: Bitte erklären Sie das.

Plach:
Moderne, Windows-basierte Visualisierungssysteme wie VisiWin von INOSOFT verwenden XAML als Format zur Beschreibung der Benutzeroberfläche. Dadurch können wir uns als Designer mit allen gängigen Designwerkzeugen, die XAML-Code generieren – beispielsweise Expression Blend, Illustrator oder Zam 3D – völlig auf unsere Aufgaben konzentrieren und müssen nicht befürchten, dass irgendein Entwurf später nicht genau wie geplant übernommen werden kann. Der XAML-Code von uns lässt sich dann nahtlos von den Programmierern bei den Maschinenherstellern in die Programmlogik integrieren. Bei XAML können wir auch später noch beliebige Änderungen vornehmen, ohne dass es die Arbeit der Programmierer beeinflusst. Solche Visualisierungssysteme sind eine Investition in die Qualität, die sich immer wieder auszahlt und im Laufe der Zeit eine Menge Arbeit erspart. Wir sind übrigens mit INOSOFT eine Partnerschaft eingegangen – die HMI-Alliance – mit der wir Maschinen- und Anlagenhersteller bei der Umsetzung von Bedienoberflächen gemeinsam betreuen. INOSOFT bringt langjährige Erfahrung in der Prozessvisualisierung und Treiber-Programmierung mit. Zusammen können wir unseren Kunden aus der Automatisierungsbranche Komplettleistungen samt der Programmierung anbieten.

 

Frage: Herr Plach, zum Schluss, welche Entwicklung sehen Sie für die Zukunft?

Plach: Was wir hier besprechen, wird sich in absehbarer Zeit zu einer Selbstverständlichkeit entwickeln. Hersteller werden es sich bald nicht mehr leisten können, bei grafischen Interfaces und Visualisierungen nicht auf Ergonomie und zeitgemäßes Design zu achten.

 

Frage: Ist das nicht zuerst eine Frage der Kosten?

Plach: Wie ich schon erwähnte, geht es ja längst nicht nur um gutes Aussehen, sondern um einen wirtschaftlichen Faktor. Einer IBM-Studie zufolge erspart jeder in die Usability investierte Euro das zehn- bis hundertfache an Support- und Dokumentationskosten. Zudem wird die Bedienung sicherer und einfacher. Ein selbsterklärendes, einfach zu bedienendes User Interface reduziert zudem die Schulungs- und Einarbeitungskosten des Personals drastisch. Es ist also in jedem Fall eine lohnende Investition. Hersteller werden diesen Marktvorteil begreifen und von halbgaren Lösungen Abschied nehmen. Das schließt auch die Verwendung von Visualisierungssystemen ein, mit denen sich keine wirklich guten, sondern immer nur Lösungen im Rahmen der Möglichkeiten – also mit teils großen Abstrichen - erzielen lassen. Hier brauchen wir einen Umbruch, ein neues Verständnis für Usability. Aber das kommt von ganz alleine; da bin ich sicher.